ADHS und Selbstwert – Wenn Kinder anfangen zu glauben, sie seien falsch
- Tabea Shmooeli

- 24. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Ein oft übersehener Bereich von ADHS
ADHS wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten oder Impulsivität verbunden. Eltern und Lehrkräfte beschäftigen sich deshalb verständlicherweise oft mit Fragen nach Struktur, Förderung, Lernverhalten oder Alltagsorganisation. Deutlich seltener wird jedoch über einen Bereich gesprochen, der langfristig mindestens ebenso bedeutsam sein kann: den Selbstwert des Kindes. Dabei zeigen sowohl klinische Erfahrung als auch psychologische Forschung seit Jahren, dass Kinder und Jugendliche mit ADHS ein erhöhtes Risiko dafür haben, ein negatives Selbstbild zu entwickeln. Nicht die Diagnose selbst führt dazu – sondern häufig die Erfahrungen, die Kinder im Alltag mit ihren Schwierigkeiten machen.
Wenn der Alltag beginnt, das Selbstbild zu formen
Viele Kinder mit ADHS beginnen ihren Weg nicht mit dem Gefühl, weniger zu können als andere. Im Gegenteil: Gerade jüngere Kinder erleben sich zunächst neugierig, kreativ, lebendig und offen. Erst mit zunehmenden Anforderungen – in der Schule, im sozialen Miteinander und in alltäglichen Erwartungen – entsteht häufig eine Diskrepanz zwischen dem, was ein Kind eigentlich möchte, und dem, was ihm zuverlässig gelingt.
Ein Kind weiß beispielsweise, dass es zuhören soll. Es möchte seine Materialien dabeihaben. Es nimmt sich vor, eine Aufgabe vollständig zu bearbeiten oder nicht dazwischenzurufen. Trotzdem gelingt die Umsetzung oft nicht dauerhaft. Von außen wird dieses Verhalten nicht selten als mangelnde Anstrengung oder fehlende Motivation interpretiert. Für das Kind selbst entsteht jedoch häufig ein ganz anderes Erleben: Es versucht es – und scheitert dennoch immer wieder.
Warum Kinder mit ADHS häufig an sich selbst zweifeln
Psychologisch ist diese Erfahrung bedeutsam. Kinder entwickeln ihr Selbstbild nicht isoliert, sondern im Austausch mit ihrer Umwelt. Sie lernen durch Rückmeldungen, wie sie sich selbst verstehen sollen. Wenn ein Kind regelmäßig erlebt, dass sein Verhalten korrigiert wird, entsteht nicht automatisch nur ein Bewusstsein für Fehler, sondern häufig auch eine innere Bewertung der eigenen Person. Aussagen wie „Du musst besser aufpassen“, „Warum schaffst du das nicht?“ oder „Andere Kinder können das doch auch“ werden nicht immer als sachliche Rückmeldung gespeichert. Kinder übertragen solche Erfahrungen oft auf ihre Identität. Aus der Erfahrung „Ich habe Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit“ wird innerlich „Ich bin unaufmerksam“. Aus „Ich vergesse Dinge“ wird „Ich bin unzuverlässig“. Und im ungünstigen Fall entsteht daraus die Überzeugung: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
ADHS verstehen – Neuropsychologische Hintergründe
Um diesen Prozess zu verstehen, hilft ein Blick auf die neuropsychologischen Grundlagen von ADHS. ADHS ist keine Frage von Intelligenz oder fehlendem Willen. Betroffen sind häufig Funktionen des Gehirns, die unter dem Begriff Exekutivfunktionen zusammengefasst werden. Dazu gehören unter anderem die Steuerung von Aufmerksamkeit, die Regulation von Impulsen, die Planung von Handlungen, die Aufrechterhaltung von Motivation und die Fähigkeit, Aufgaben konsequent zu Ende zu führen.
Viele Kinder mit ADHS wissen daher sehr genau, was sie tun sollten. Das Problem liegt häufig nicht im Wissen, sondern in der Fähigkeit, dieses Wissen in jeder Situation zuverlässig umzusetzen. Genau dieser Unterschied ist für Kinder oft schwer auszuhalten, weil sie sich selbst als jemand erleben, der mehr möchte, als er leisten kann.
Wenn Schwierigkeiten zu Scham werden
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der häufig unterschätzt wird: die Rolle von Scham. Scham entsteht nicht einfach durch Fehler. Scham entsteht dort, wo Kinder beginnen, ihr Verhalten mit ihrem Wert als Mensch zu verwechseln. Während Schuld das Gefühl beschreibt, etwas falsch gemacht zu haben, vermittelt Scham die Überzeugung, selbst falsch zu sein.
Kinder mit ADHS erleben überdurchschnittlich häufig Situationen, in denen sie ermahnt, verglichen oder korrigiert werden. Nicht jede Korrektur ist problematisch – sie gehört zur Entwicklung dazu. Kritisch wird es dort, wo ein Kind dauerhaft den Eindruck gewinnt, hauptsächlich über seine Defizite wahrgenommen zu werden.
Die Rolle von Eltern und Lehrkräften
Für Eltern und Lehrkräfte ergibt sich daraus eine wichtige Verantwortung. Kinder mit ADHS benötigen Orientierung, Erwartungen und Unterstützung in ihrer Entwicklung. Gleichzeitig brauchen sie Erwachsene, die zwischen Verhalten und Identität unterscheiden. Ein Kind ist nicht chaotisch – es hat Schwierigkeiten mit Organisation. Ein Kind ist nicht faul – es hat möglicherweise Schwierigkeiten mit Aktivierung und Selbststeuerung. Ein Kind ist nicht respektlos – es kämpft unter Umständen mit Impulskontrolle oder Reizverarbeitung.
Diese sprachliche und innere Unterscheidung verändert nicht nur die Haltung der Erwachsenen, sondern langfristig auch das Selbstbild des Kindes.
Selbstwert fördern, ohne Schwierigkeiten zu übersehen
Die Förderung eines gesunden Selbstwertes bedeutet dabei nicht, Schwierigkeiten zu verharmlosen oder jede Frustration zu vermeiden. Kinder entwickeln Selbstvertrauen nicht dadurch, dass sie nur gelobt werden. Sie entwickeln es dadurch, dass sie erleben, Herausforderungen bewältigen zu können und dabei als Person angenommen zu bleiben.
Hilfreich sind deshalb konkrete Rückmeldungen statt pauschaler Bewertungen. Kinder profitieren davon, wenn Anstrengung wahrgenommen, Fortschritte sichtbar gemacht und Fehler als Teil von Entwicklung verstanden werden. Ebenso wichtig sind realistische Erwartungen und die Anerkennung, dass gleiche Ziele manchmal unterschiedliche Wege brauchen.
Handlungsperspektiven – Was Kinder mit ADHS wirklich brauchen
Für den Alltag bedeutet das konkret: Eltern und Lehrkräfte sollten darauf achten, Verhalten möglichst präzise zu beschreiben, statt Eigenschaften zuzuschreiben. Erfolge sollten nicht nur an Ergebnissen, sondern auch an Einsatz und Entwicklung gemessen werden. Kinder brauchen Möglichkeiten, Selbstwirksamkeit zu erleben – also die Erfahrung, dass ihr eigenes Handeln etwas bewirken kann.
Darüber hinaus hilft es, Belastungen offen anzusprechen und dem Kind Worte für seine inneren Erfahrungen zu geben. Wer versteht, warum ihm etwas schwerfällt, entwickelt deutlich seltener die Überzeugung, grundsätzlich falsch zu sein.
Kinder mit ADHS brauchen nicht weniger Anforderungen. Sie brauchen aber Erwachsene, die erkennen, dass Entwicklung dort am besten gelingt, wo Selbstwert geschützt wird. Denn Kinder wachsen nicht nur an dem, was man von ihnen erwartet. Sie wachsen vor allem an dem, was sie über sich selbst zu glauben beginnen.




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